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Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Adrian Meyer: „Vom Wert des Wertes. Zum ökonomischen Diskurs mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Erzählliteratur“ (Arbeitstitel)

Dass Geld und Welt sich im Deutschen erst seit der Frühen Neuzeit reimen, heißt nicht, dass Geld nicht auch vorher bereits eine enorme Bedeutung für diejenigen Teile der Gesellschaft hatte, die durch schriftliterarische Quellen für die heutige Forschung fassbar geblieben ist. Romane und Epen des Mittelalters kennen Geld und allgemeiner Wertvorstellungen  auf vielen Ebenen, sei es als Teil der Handlung, der Figurenrede oder als Äußerung der Erzählinstanz als rhetorisches Mittel.

Um vernünftige begriffliche Grundlagen zu schaffen, muss im Rahmen des Projektes vorerst ausgelotet werden, welche Disziplinen neben der literaturwissenschaftlichen Forschung für die Perspektivierung des Wertdiskurses berücksichtigt werden sollten. Die wichtigsten Punkte seien hier kurz zusammengefasst: Wirtschaftswissenschaftliche und wirtschaftshistorische Forschung erhellt die Konzepte und Ideen, die vor rund 800 Jahren Teil des kulturellen Horizonts einer literarisch gebildeten Schicht waren. Verbunden mit Materieller Kulturwissenschaft kann so gezeigt werden, welcher epistemologische, ethische oder pragmatische Status materiellen Objekten wie Münzen, (Edelmetall-)Barren, objets d’art oder auch Sklaven zugeschrieben wurde. Die Verhandlung vormoderner Gegenstandsbegriffe soll somit in ihrer historischen Spezifizität ermöglicht werden, ohne auf potentiell anachronistische Konzepte der Wertzuschreibung oder Wirtschaftstheorie zurückgreifen zu müssen. Hinzu treten im weitesten Sinne theologische sowie juristische Quellen, die normative Vorgaben zum Umgang mit Wert tragenden Gegenständen thematisieren.

Für einen verstehenden Nachvollzug der mittelalterlichen Erzähltexte sind Klärungen dieser Art notwendig. Das darauf aufbauende Erkenntnisziel der literaturwissenschaftlichen Arbeit liegt in der Erfassung materiellen Wertes in seiner narrativen Einbettung. Tausch, Austausch, Geschenk oder (versuchter) Raub ermöglichen Handlungskomplexe, die ihre je eigene Axiologie und Funktionalisierung der Wertobjekte entwerfen und dazu führen können, dass normative und geographische Grenzen überschritten werden oder die Handlung beispielsweise zum Stillstand kommt oder deeskaliert. Das narrative Möglichkeitsspektrum materieller Wertkonstruktionen anhand erzählender Texte des Mittelalters (bspw. Der gute Gerhard, Flore und Blanscheflur, Der Pfaffe Amis, König Rother) auszuleuchten, also an einer „Narratologie des Wertes“ zu arbeiten, stellt das analytische Anliegen der Arbeit dar.

Kontakt: ameyer14[at]uni-koeln.de