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Beato Angelico, Crocifissione con san Domenico, 1442ca., Museo nazionale di San Marco, Florenz.

Valerio Bonanno: „Die scientia affectiva des Albertus Magnus als Modell einer dominikanischen Theologie“

Im Zuge der Verbreitung der Mitte des 12. Jahrhunderts von Jakob von Venedig angefertigten lateinischen Übersetzung der aristotelischen Analytica posteriora, samt der darin enthaltenen Wissenschaftstheorie, haben es sich die lateinischen Theologen der Zeit zur Aufgabe gemacht, den wissenschaftlichen Charakter der Theologie anhand dieser für den lateinischen Westen neuen epistemischen Prinzipien zu untersuchen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Theologie in der christlichen Tradition primär als eine sapientia dargestellt. Schließlich beziehe sich die Weisheit, gemäß einer bereits von Augustinus von Hippo eingeführten Unterscheidung, auf die Kenntnis ewiger Gegenstände, im Gegensatz zur Wissenschaft, die sich vielmehr mit den zeitlichen beschäftige («ut ad sapientiam pertineat aeternarum rerum cognitio intellectualis, ad scientiam vero temporalium rerum cognitio rationalis»). Das daraus abgeleitete Theologieverständnis haben die Theologen an den Universitäten von Paris und Oxford erstmalig und explizit hinterfragt, indem sie dem Thema am Anfang ihrer Summae Theologiae und ihrer Kommentare zu den Sentenzen von Petrus Lombardus zahlreiche Quaestiones widmeten.

Die fruchtbare Verknüpfung von theologischer Konvention und dem Aufkommen neuer Paradigmen, die damit eine Art dynamisches Verhältnis hervorbringen, wird in dieser Arbeit unter besonderer Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes betrachtet. In der Tat wirkt sich in der Forschung über das Thema immer noch die implizite Interpretationslinie aus, wonach die obengenannten theologischen Texte ein zunehmend spezifischeres epistemisches Desiderat der scholastischen Theologen (Wilhelm von Auxerre, Alexander von Hales, Bonaventura, Eudes Rigaud, Albertus Magnus etc.) darstellen, und welche auf direktem Weg zur Subalternationstheorie des Thomas von Aquin als Lösung des Problems führen sollen. Ausgehend davon wird das primäre Ziel des Promotionsvorhabens darin bestehen, die systematisch-theologischen und bibelexegetischen Texte des Albertus Magnus weniger in einer systematischen Hinsicht, sondern vielmehr in einer historischen zu untersuchen, woraus sich ein vom spezifisch epistemischen Hauptaugenmerk des Thomas von Aquin abweichendes Theologieverständnis ergibt.

In diesem Sinne werden die zwei Theologiedefinitionen des Albertus Magnus, einerseits als scientia affectiva und andererseits als scientia practica, im Rahmen dieser Arbeit als ein komplexes und aufschlussreiches Beispiel einer Mitte des 13. Jahrhunderts gegründeten pastoralen Theologie betrachtet, die die Tradition der Pariser moraltheologischen Schule des Petrus Cantor mit dem neuen mendikantischen Ideal eines engeren Engagements des Theologen im gesellschaftlichen Leben verbindet.